Nach derzeitigem Stand ist für das Auftreten eines Übertrainings-Zustands nicht die Art des Sports oder Trainings, sondern das Missverhältnis zwischen zu viel Stress und zu wenig Zeit für Regeneration von entscheidender Bedeutung, da Übertrainings-Zustände sowohl nach überhöhtem Trainingsumfang als auch Trainings-Intensität oder Krafttraining beobachtet werden. Der Anteil unterschiedlicher Stressoren, insbesondere aus dem persönlichen Umfeld, ist in der Regel individuell verschieden; dies und eine genetisch mitbedingte unterschiedliche Stresstoleranz erklären, dass nur ein Teil der Sportler bei identischem Trainings- und Wettkampfstress mit einer Übertrainings-Problematik reagiert. Aufgabe ist es, in jeder Saison erneut das richtige Maß der individuell tolerablen Belastung zumindest näherungsweise zu finden und zu bedenken, dass Trainingsaufwand und Trainingserfolg (Leistung) nicht in einer linearen, sondern U-förmigen Beziehung (inverse U-Form) zueinander stehen.
Übertrainings-Syndrom
Langzeit-Übertraining führt in der Regel zu einer Störung der Gesundheit mit den Schlüssel-Symptomen anhaltende Leistungsminderung, anhaltende Müdigkeit, verschlechtertes Befinden, gestörte Reproduktionsfunktion und veränderte Immunfunktion, die allerdings nur kurzzeitig im Sinne eines „open window” mit erhöhter Infektneigung vermutet wird (GABRIEL 1998; MACKINNON 1997; NIEMAN 1997; PEDERSEN u.a. 1996). Unterschiedliche sportartspezifische Überlastungsbeschwerden des Halte- und Bewegungsapparats können das klinische Bild ergänzen und komplizieren.
In der Regel vermuten der Sportler, aber auch zuständige Betreuer eine zugrundeliegende Erkrankung, und sie lehnen häufig zunächst eine umfassende und langdauernde Regenerationsphase ab, Leistungsminderung und Müdigkeit werden häufig mit Trainingssteigerung beantwortet. Einerseits können Leistungsminderung, bzw. ungenügende Trainings- oder Wettkampfleistungen nach intensiviertem Training entscheidende Schlüssel-Symptome eines Übertrainings-Zustands sein, andererseits beträgt dieses Defizit häufig nur 1 bis 3 Prozent, liegt somit innerhalb der methodischen Variabilität von z.B. leistungsdiagnostischen Labor- oder Feldtests. Eine solche Differenz verkörpert aber in der Regel in vielen Sportarten bereits den Unterschied zwischen Champion und „Ferner liefen”. Somit muss bereits bei stagnierender Leistungsfähigkeit nach intensiviertem Training an die Möglichkeit eines Übertrainings, in der Regel infolge übermäßigen „Überziehens” und/oder zu kurzer Regenerationszeiten, gedacht werden. Andererseits kann ein Sportler, der Leistungsfortschritte macht, nicht übertrainiert sein. Bei Vorliegen eines Übertrainings-Syndroms ist der Weg zurück zur alten Leistungsfähigkeit schwierig, langwierig und erfordert sehr viel Erfahrung und Geduld.
Prävention des Übertrainings-Syndroms
Ermüdungsrückstand nach Training und harten Wettkämpfen darf nicht um jeden Preis überwunden, sondern muss respektiert werden. Die Behandlung des Übertrainings-Syndroms basiert auf der umfassenden und langfristigen Regeneration verbunden mit dem Neuaufbau der Trainingsgrundlagen. Da dies in der Regel zumindest Wochen in Anspruch nimmt, kommt der Prävention entscheidende Bedeutung zu. Empfehlungen für effektives Training, insbesondere im Ausdauerbereich, finden sich bei verschiedenen erfahrenen Trainern, die von FOSTER u. Mitarb. (1999) zusammengestellt wurden.
Aufgrund bisheriger Übertrainings-Forschung können ohne Anspruch auf Vollständigkeit folgende Empfehlungen gegeben werden (LEHMANN u.a. 1993, 1997, 1998, 1999):
- Nichttrainings-Stressfaktoren sollten, soweit möglich, konsequent reduziert werden.
- Achte auf ausgewogene, sportartspezifische Ernährung und insbesondere im Wachstumsalter auf ausreichende Versorgung u.a. mit Eisen, Magnesium, Vitamin D.
- Konsequente Beachtung des Prinzips alternierender harter und leichter Trainingstage/ Trainingsmaßnahmen.
- Leistungsverbesserung nach Grundlagentraining beruht nicht auf Umfang, sondern auf Struktur und Intensität des weiteren Trainings; Umfang ist kritischer als Intensität bei optimaler Struktur. Keine Intensivierung des Trainings auf Kosten bisheriger Regenerationstage, sondern an "harten" Tagen.
- Training im Hungerzustand und "Long-Slow-Distance-Training" sind biochemisch-hormonal wegen exzessiver Hormonspiegel und Leptinabfall eher kontraproduktiv.
- Nach zwei bzw. drei Wochen intensivierter, harter Belastungen sollten eine, bzw. bis zu zwei Regenerationswochen eingelegt werden. Bereits vier Wochen intensivierter, harter Belastungen ohne Regenerationswoche sind außerordentlich kritisch.
- Training muss Trainingskontrolle einschließen, z.B. im Ausdauersport im Idealfalle ein sportartspezifischer "Time-Trial" nach etwa (ein bis) zwei Wochen anstatt einer harten Trainingseinheit.
- Dämpfung exzessiver hormonaler Stressreaktionen (exzessive Adrenalin-, Noradrenalin-, Cortisol-, Wachstumshormonfreisetzung), insbesondere bei langdauernden Belastungen, durch konsequente Kohlenhydrat-Substitution vor, während und nach Training und Wettkampf.
- Training macht müde, Pausen machen munter. Nach mehr als zwei Wochen Regenerationspause ist mit deutlichen Detrainingseffekten zu rechnen.
Quelle:
Lehmann u.a.: Übertraining und Leistungsminderung - Vom harten Training, großer Wettkampfdichte und kurzen Regenerationszeiten. In: Leistungssport, Heft 5/1999, S.23-29
www.leistungssport.net
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17. September 2003
Uebertraining und Leistungsminderung
Übertraining kann allgemein als „Stress > Erholungs-Missverhältnis” definiert werden. Stress fasst in diesem Zusammenhang alle Trainings-, Wettkampf- und Nicht-Trainings-Stress-Faktoren zusammen. Diese bewirken in Abhängigkeit von der Dauer der Überforderung Gesundheitsstörungen, die als Übertrainings-Syndrome, Burnout-Syndrome, Staleness (Verdrossenheit), Sports-Fatigue-Syndrome oder Unexpected-Underperformance-Syndrome bezeichnet werden.
Herr M.A. Höfling






