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2. Juni 2003

Pfeiffersches Drüsenfieber

Wenn einem Sportler dauerhaft jede Ausbelastung ungewöhnlich schwer fällt und lediglich Schlaf als Wohlfühlzustand empfunden wird, beginnen unweigerlich Selbstzweifel an seinem sonst so verlässlichen Körperempfinden zu nagen. Die letzte Erkältung ist lange ausgestanden, andere Krankheiten sind nicht erkennbar und auch ein reduziertes Training hilft nicht, die Schlappheit zu überwinden. Ratlosigkeit macht sich breit. In solchen Fällen liefert häufig ein kleiner, weit verbreiteter Virus die Erklärung.
Unter dem Deckmantel einer banalen Grippe hinterlässt das Eppstein-Barr- Virus (EBV) seine Spuren oft unerkannt. Im Blut von 80 bis 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung dokumentieren spezifische Antikörper seine unbemerkte Durchreise. "Rund 60 Prozent der Infizierten bemerken das gar nicht", sagt Hans-Hermann Dickhuth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP). Enttarnt wird der 0,0002 Millimeter kleine Eindringling aus der Familie der Herpesviren, der die als "Pfeiffersches Drüsenfieber" bekannte Infektiöse Mononukleose(IM)auslösen kann, jedoch immer wieder bei Leistungssportlern. Der Kölner Sprinter Rasgawa Pinnock beklagte im Mai letzten Jahres "superschlechte" Leistungen. "Dann habe ich meine Beine nicht mehr hoch bekommen und wollte morgens am liebsten nicht aufstehen", erinnert sich der 22-jährige. Eine Erkältung mit Husten, Schnupfen und Magenprobleme war längst abgeklungen. Als auch wiederholte Trainingspausen nicht halfen, brachte ein Bluttest im Juni schließlich die EBV-Infektion ans Licht. Damit reihte sich Pinnock in den Reigen namhafter Athleten ein, denen das EBV einen ärgerlichen Karriereknick beschert hat. Hochsprung-Weltmeister Martin Buß gehört ebenso dazu wie 400-Meter-Europameister Ingo Schultz, der nordische Kombinierer Ronny Ackermann, der 800-Meter-Läufer Nico Motchebon, Tennisspielerin Barbara Rittner, Kanutin Birgit Fischer oder Ex-Fußball-Profi Olaf Bodden.

Viele Betroffene

Die hohe Durchseuchungsrate in der Bevölkerung zeigt aber, dass es sich bei IM um keine typische Sportlerkrankheit handelt. Hochleistungsathleten haben jedoch das für IM typische Alter von 15 bis 30 Jahren. Mittels einer Tröpfchen- infektion ist das im Speichel enthaltene EBV leicht übertragbar. Das erklärt Spitznamen wie "students desease" oder "Kusskrankheit". Der enge Kontakt in Trainingsgruppen oder die gemeinsame Nutzung einer Trinkflasche bieten ebenfalls gute Gelegenheiten für eine Übertragung. Die lange Inkubationszeit von vier bis sieben Wochen erschwert den Schutz vor einer Ansteckung zusätzlich. Bei Menschen, die nicht auf eine maximale körperliche Leistungsfähigkeit angewiesen sind, bleibt die Enttarnung des EBV häufig aus. "Die haben dann halt ihre Grippe und in Wirklichkeit war es IM", sagt Lothar Böckler, Allgemeinmediziner am Sportmedizinischen Institut Frankfurt. Eine ungewöhnliche Müdigkeit, die den Sportler in Selbstzweifel stürzt und an Bestleistungen hindert, schiebt der Nicht-Sportler schnell auf Wetter, Stress oder Beziehungsprobleme. "Wenn ich keinen Leistungssport machen würde, hätte ich die Infektion bestimmt nicht bemerkt", sagt auch Hürdensprinterin Juliane Sprenger. "Mir ist ja nur beim Training aufgefallen, dass etwas nicht stimmte." Die Dortmunderin kam nach ihrem Titel bei den Deutschen Hallenmeisterschaften 2001 nicht mehr in Schwung. "Meine Oberschenkel-Strecker waren total zu. So als ob ich wer weiß was trainiert hätte", erinnert sich die 26-jährige. Nur wenige Tage plagten sie Fieber und eine Erkältung. Lediglich ihre Erfahrungen mit IM in ihrem Umfeld brachten sie schließlich darauf, einen entsprechenden Bluttest machen zu lassen.
Statt der für IM typischen Triade aus Fieber, einer Rachenentzündung und geschwollenen Lymphknoten am Hals tritt oft ein undifferenziertes Krankheitsbild mit Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit und geschwollenen Mandeln auf, das leicht für eine Grippe gehalten werden kann. Allein die unerklärliche, oft Wochen über die anderen Syrnptome hinaus anhaltende Müdigkeit passt nicht zur einfachen Grippe. Die Leverkusener Stabhochspringerin Christine Adams, 28, befiel nach einer "grandiosen Hallensaison" 2002, in der sie mit 4,66 Metern Deutschen Rekord sprang, eine schlimme Halsentzündung. Sie bekam Antibiotika und Schmerzmittel, pausierte und begann schließlich langsam wieder mit dem Training. Alles schien in Ordnung, sie fühlte sich nicht länger krank. "Aber ich war nicht mehr fähig, über den Anlauf von 16 Schritten meine Körperspannung zu halten", sagt sie. Die Qualifikation für die Europameisterschaften 2002 misslang. Die Kölner Spitzenturnerin Lisa Brüggemann musste im vergangenen Jahr ihre WM-Teilnahme absagen. Zwei Monate lang hatte sie unter unerklärlichen Verspannungen am Rücken und extremer Müdigkeit gelitten, bis ein Bluttest IM ans Tageslicht förderte. "Ich hatte das Gefühl, meinen Körper nicht mehr zu kennen", erinnert sich die 18- jährige.

Therapie schwierig

Auch wenn das Pfeiffersche Drüsenfieber dann endlich diagnostiziert ist, gibt es jedoch keine medikamentöse Therapie; Antibiotika helfen nur bei begleitenden bakteriellen Infektionen. Das Virus muss durch das körpereigene Immunsystem vertrieben werden. "Man kann der natürlichen Abwehrreaktion aber nette Rahmenbedingungen schaffen", sagt Lothar Böckler. Er empfiehlt viel Schlaf, eine gesunde Ernährung mit vielen Vitaminen und in jedem Fall den Verzicht auf jegliches Training. "Die Sportler müssen die Nerven behalten
und Pause machen", sagt er. Damit die Schlappheit nachlässt, muss sich das in Aufruhr geratene Immunsystem erst wieder beruhigen. Normalerweise nimmt die Krankheit einen harmlosen Verlauf, nur in seltenen Fällen (0,1 Prozent) kommt es zu schweren Komplikationen wie einem Milzriss oder einer Leberentzündung. Da diese beiden Organe im Verlauf der Erkrankung häufig anschwellen, sollte jedoch auch zu ihrem Schutz auf starke körperliche Belastungen verzichtet werden. "Die Regenerationsfähigkeit von Sportlern wird häufig überschätzt", warnt auch Joachim Latsch vom Institut für Kreis- laufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln. Bei IM handele es sich um eine "generalisierte, systemische Infektion", die das lymphatische Gewebe im gesamten Körper befalle. Das Training sollte erst bei rückläufigen Blutwerten und völliger Beschwerde-Freiheit langsam und unter ärztlicher Beobachtung wieder aufgenommen werden. Da die Diagnose immer erst lange nach der Infektion gestellt werde, kenne man den Höchstwert des Antikörper-Titers im Blut nicht, erklärt Latsch. Deshalb sei eine regelmäßige Überprüfung des Rückgangs der Antikörper unabdingbar. Nachweisbar sind die Antikörper im Blut eines einmal infizierten ein Leben lang. Leider schützen sie aber nicht, wie häufig angenommen, vor einem neuerlichen Ausbruch des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Bei schwacher Immunlage kann es zu einer Reaktivierung des Virus kommen. Der Verlauf ist dann klinisch oft noch weniger auffällig, die Diagnose somit noch schwieriger.

Sportlerkarriere in Gefahr

Wird die Infektion direkt erkannt und mit einer entsprechenden Trainingspause reagiert, kann IM relativ schnell und problemlos überwunden werden. Die unbemerkte Infektion jedoch führt häufig zu langwierigen Verläufen, die den Sportler eine ganze Saison, in seltenen Fällen auch die Karriere kosten können. Deshalb rät der Orthopäde Rüdiger Schmidt-Wiethoff, der die Kölner Bundesliga-Turnerinnen betreut: "Man muss bei einem Sportler, der sich schlapp fühlt und über uncharakteristische Schmerzen klagt, immer an IM denken. Dieses komische Drüsenfieber ist wie ein Chamäleon." Auch bei Lisa Brüggemann habe er zu lange gebraucht, um von Schlappheit und Muskelschmerzen auf IM zu schließen, gibt er zu. Theoretisch sei es möglich, sagt Schmidt-Wiethoff, dass IM Probleme in der Muskulatur auslöse. Besonders Osteopathen sähen Zusammenhänge zwischen erkrankten Organgen (bei IM Milz und Leber) und Schmerzen in der Muskulatur "Schulmedizinisch ist das aber nicht erklärbar", sagt Schmidt-Wiethoff. Dennoch - nicht nur Brüggemann litt im Zusammenhang mit IM an Muskelschmerzen. Pinnock klagt über Probleme mit seinen Sehnenansätzen, Sprenger hatte verhärtete Oberschenkel und Adams konnte ihre Körperspannung nicht mehr halten. "Diese Beschwerden im Bereich der Muskulatur sind bekannt", sagt Professor Diekhuth von der DGSP. "Doch woher sie kommen weiß man nicht. Sie ähneln den Gliederschmerzen bei einer Grippe."
"Glücklich" kann sich schätzen, wen das EBV ungetarnt befällt. Die ehemalige Spitzenläuferin Kristina da Fonseca-Wollheim wurde 1997 Deutsche Hallenmeisterin über 1500 Meter. Bei der Hallen-Weltmeisterschaft patzte sie dann wegen ungewöhnlicher Schlappheit und kam mit 9:05 Minuten immerhin noch auf den 13. Rang, obwohl sich die Krankheit mit der etwas seltener auftretenden Symptomatik extrem angeschwollener Augenbrauen und -lider (Boxerödeme) längst angekündigt hatte, aber zunächst unerkannt blieb. Drei Wochen wurde sie von den klassischen IM-Symptomen Fieber, Halsschmerzen, Übelkeit, extremer Nachtschweiß und Druck im Leberbereich geplagt. Die Diagnose wurde allerdings auch erst gestellt, als sie kaum noch aufstehen konnte. Eine lange Trainingspause und eine vorsichtige Rekonvaleszenz über Spaziergänge, Jogging- Einheiten bis hin zum normalen Training führten schließlich dazu, dass daß Fonseca- Wollheim bereits i m Juni 1997 wieder Zweite beim Europacup wurde. "Ich habe wirklich Glück gehabt", sagt die 31-jährige noch heute. "Aber es waren auch viel Geduld, Vertrauen und Coolness nötig, um das richtige Verhältnis von Ruhe und langsamem Wiedereinstieg zu treffen."

Aus: Running, 6/2003
Herr M.A. Höfling
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